Die eBook Reader Nachricht der vergangenen Woche war mit Sicherheit die Insolvenz von iRex, der niederländischen Phillips-Tochter. Der First-Mover, der 2006 als erster Hersteller einen eBook Reader, den iLiad, auf den Markt brachte, ist nach der verpatzten Markteinführung des Digital Reader 800 in finanziellen Schwierigkeiten – obwohl die ausgefeilte Technik der iRex-eReader eigentlich großes Potential hat. Und auch andere eBook Reader Hersteller, die eigentlich auf einen technischen Vorsprung bauen konnten, sind in der Bredouille. Alles nur wegen des iPad?
Der Grund für die vorübergehende Zahlungsunfähigkeit von iRex liegt wohl in den USA. Branchenmedien hatten schon im Frühjahr berichtet, dass die verspätete Einführung des iRex DR 800SG in den USA – eigentlich sollte das eLesegerät zum Weihnachtsgeschäft kommen – Problem aufwerfen dürfte. Bis dato hatte sich die niederländische Firma vor allem auf Business-Kunden und-Anwendungen konzentriert, mit dem iLiad und später dem 10 Zoll großem DR 1000S zwei praktisch konkurrenzlose High-End-eReader auf dem Markt.
iRex: Nach der iPad-Einführung wohl zu teuer
Trotz einer Kooperation mit dem US-Buchhandelsriesen Barnes&Noble für die Verbreitung von 750.000 eBooks und dem eKiosk NewspaperDirect haben sich die Verkaufserwartungen des DR 800SG nicht erfüllt – auch weil die die amerikanische Prüfbehörde FCC iRex lange eine Verkaufsgenehmigung vorenthielt, erklärte iRex-Chef Hans Bronse dem niederländischen Finanzportal fd.nl.
Was nun aus iRex wird, steht noch in den Sternen. Die Verbindlichkeiten beliefen sich auf “mindestens 5 Millionen Euro”, erklärte Insolvenzverwalter Martin Kemp. Nun gehe es darum, Investoren zu suchen. Doch es gebe auch schon erste Interessenten, vor allem aus dem Ausland. Näheres wollte der Insolvenzverwalter nicht sagen, im Lauf der Woche wisse man mehr über die Zukunft des eBook Reader-Pioniers.
Der neue Investor kann auf viel technisches know-how bauen, wird die bisherigen iRex eBook Reader aber schnell weiter entwickeln müssen. Schließlich ist die Konkurrenz im hochpreisigen eLesemarkt seit dem iPad groß. Der DR 800SG bietet neben umfassenden Arbeitsfunktionen (Terminplaner, Schreibfunktion, usw.) auch eine 3G-UMTS-Schnittstelle. In den USA kostete das 8 Zoll große eLesegerät 399 Dollar und ist damit nur wenig günstiger als das multimediafähige iPad.
Eine Frage des Geldes
Die deutsche DR-Variante, der 800S, bietet noch nicht einmal eine 3G-Schnittstelle und kostet satte 499 Euro. Da kommen die ähnlich gut ausgestattete eBook Reader Konkurrenz (Kindle, Kindle DX, Sony PRS 600 Touch, usw.) und auch einige Tablets günstiger daher. Im Juni vor einem Jahr hatte iRex noch angekündigt, die eine der kommenden Generationen ihrer eReader sei mit einem Farbdisplay ausgestattet; der Markteintritt der Magazin-eReader ohne Hintergrundbeleuchtung wurde für 2011 in Aussicht gestellt.
Anzeige
Auch andere eBook Reader Hersteller, die über viel technisches know-how verfügen, waren zuletzt in Schwierigkeiten. So wie Plastic Logic. Der Que sollte eigentlich im Frühjahr auf den Markt kommen. Aktuell fertigt Plastic Logic die ultradünnen Displays, die den großzolligen Que zu etwas Besonderem machen solllen. Noch in diesem Monat wird der bewegliche und damit nahezu unzerstörbare hochpreisige eReader in den USA auf den Markt kommen, in Europa dauert es noch einige Zeit bis der Que verkauft wird.
Im April dieses Jahres hatte eine Nachricht in der FT für Unruhe gesorgt. Nachdem das Veröffentlichungsdatum des Que nach hinten geschoben worden ist, wurde Plastic Logic-Investor Hermann Hauser mit der Aussage zitiert, das britisch-amerikanische Unternehmen mit Produktionsstätte in Dresden stünde zum Verkauf. Die Meldung wurde umgehend dementiert, es sei von interessanten Partnerschaften die Rede gewesen.
iPad-Konkurrenz wiegt schwer
Dennoch, seitdem Apple das iPad auf den Markt gebracht hat, wächst die Konkurrenz stetig. Immer mehr etablierte Elektrohersteller entdecken das eReader/Tablet-Segment für sich (Hier die eBook Reader Neuheiten auf einen Blick). Eine der kerben, in die die Neuentwickler schlagen wollen, ist der schwarz-weiß-Nachteil der bisherigen eBook Reader. So arbeitet wohl auch Plastic Logic an einem Farb-eReader. Kurz nach der erwähnten Falschmeldung verkündete Plastic Logic eine Partnerschaft mit dem Darmstädter Chemiekonzern Merck, der Vorprodukte für organische Displays entwickelt.
„Unsere Materialien sind absolut in der Lage, videofähige Farbdisplays möglich zu machen“, zitierte die WiWo vor zwei Wochen Luc Yao, der den Bereich Organische Elektronik bei Merck leitet. Ebenfalls ab 2011 sollen solche Displays produziert in den Markt eingeführt werden. Solange will das deutsche Unternehmen Neofonie nicht warten. Doch auch das deutsche Tablet, das WeTab, kommt im Vergleich zum iPad verspätet.
In einer beispielhaften Web 2.0-Werbekampagne wurde die Entwicklung Apple-Konkurrenz im Frühjahr dieses Jahres publik gemacht. Firmenchef Helmut Hoffer von Ankershoffen erklärte im April, man wolle die Verlage aus den Fesseln befreien, die Apple beim iPad aufstellt habe. doch dann kam bei der offiziellen Präsentation die Ernüchterung: Das damals noch als WePad angepriesene Tablet konnte nur ein Video abspielen, an einen wirklich funktionstüchtigen Prototypen war nicht zu denken.
Doppelter Flop aus Deutschland?
Es folgten zwei weitere mediale Eigentore. Zunächst musste das WePad wohl auf Apple-Druck hin in WeTab umgetauft werden, dann wurde der anvisierte Marktstart von Juni auf September 2010 verlegt. Auch der Verkaufsstart des txtr eBook Reader, ebenfalls in Berlin entwickelt, hat sich zuletzt immer weiter nach hinten verschoben. Nun soll der txtr eBook Reader bis spätestens Juli auf den Markt kommen.
Auch hier stellt sich die Preisfrage: Mit 299 Euro ist der txtr teurer als Marktführer Kindle. Punkten will txtr aber nicht nur mit dem eBook Reader, sondern auch mit einer eigenen Content-Plattform. Mitte April schloss das Unternehmen eine Vereinbarung mit der Bertelsmann-Buchverlagstochter Random House. Damit kann txtr eBooks von über 40 Verlagen wie Heyne, Goldmann und Knaus im eigenen Online-Store anbieten. Im Herbst letzten Jahres hatte Txtr bereits eine ähnliche Kooperation mit der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck getroffen.
Vergangene Woche hat txtr auch sein Portal txtr.com gerelauncht. Neben dem bekannten eBook-Store und dem Community-Zugang steht mittlerweile auch ein txtr App (aktuell noch ausschließlich für das iPhone, aber eine iPad-Version wird wohl folgen) zur Verfügung.
So versucht txtr ein bisschen von dem iPad-Hype zu profitieren – doch mehr als ein kleines Stück vom eLesekuchen wird Apple wohl nicht hergeben.
Hintergrund: ereaders.nl, WiWo, Blog und nochmal unser Blog







Ja wirklich schade,
Sehnsüchtig habe ich auf den Irex DR 800SG gewartet und gewartet …
Als er dann viel zu spät rauskam und darüber hinaus anders als angekündigt keine 3G Anbindung hatte und 100 Euro mehr kostete, waren meine Erwartungen schlagartig zerstört…
Ein so schönes Gerät und doch so schlecht in Szene gesetzt.
sergej
Also ich finde die Marktstrategie von iRex seltsam. Statt den 800 S in Europa wegen dem fehlenden UMTS-Modul billiger anzubieten, gehen sie mit dem Preis nach oben. Dann bleibt ihnen natürlich nur der völlig überlaufenen US-Markt. Dass Business-Kunden heer zum iPad greifen ist klar, und für Freizeitleser bietet der Nook mehr. Darauf hat ja auch lesen.net hingewiesen. Schade, dass auch Plastic Logic erst den Weg in die USA geht.
Alex